Verelendung hat viele Gesichter – Armut, Flucht, Obdachlosigkeit, Sucht und vieles mehr. Wo es um gesellschaftlich prekäre und politisch brisante Themen geht, sind dokumentarische Praktiken von besonderem Interesse. Denn ihnen wird – trotz aller Zweifel an der Glaubwürdigkeit medialer Bilder – noch immer das Potential zugesprochen, Ungesehenes sichtbar zu machen, aufzudecken oder gar ‚die Wahrheit ans Licht zu bringen‘. Klaus Kreimeier nannte Krisenzeiten daher „Treibhäuser des Dokumentarfilms“, bemerkenswert also, dass seit Anfang der 2000er Jahre dokumentarische Strategien in der bildenden Kunst Konjunktur haben. Doch wie gestalten sich mediale Repräsentationen von Verelendung im aktuellen wie auch historischen Kontext? Welche Strategien wurden und werden gefunden, diese ins Bild zu setzen und wie sind diese einzuschätzen? Geht es darum, gesellschaftliche Strukturen und Denkmuster offenzulegen oder handelt es sich um Elends-Voyeurismus? Geht es um eine fundamentale Kritik der bestehenden Verhältnisse oder um das Erzeugen folgenloser Betroffenheit? Das zeitliche Spektrum des Seminars reicht vom frühen Film – Comment le pauvres mangent à Paris (1910); Le Chemineau (1905) – bis zu Dokumentarfilmen aus jüngster Zeit, beispielsweise draußen (2018), Am Kölnberg (2016) oder Das Salz der Erde (2014). Behandelt werden darüber hinaus Positionen von Martha Rosler, Allan Sekula und Hito Steyerl, deren Ansätze eine Neubestimmung des Dokumentarischen verbindet, sowohl auf theoretischer wie auch (medien/kunst)praktischer Ebene.

 

Dr. Jessica Nitsche

Universität Paderborn

Lehrbereich Kunst / Medienästhetik (Visuelle und Neue Medien)

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